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Der nächste große Schritt

Mit 35 Jahren hat Arndt Kirchhoff die Geschäftsführung des Familienunternehmens übernommen. Heute ist er 61 und bereitet selbst die Übergabe vor. Dabei vertraut er der Erziehung seines Vaters – und wissenschaftlicher Beratung.

Ein Esszimmer im ostwestfälischen Iserlohn Anfang der 70er-Jahre. Um den Tisch haben sich Vater, Mutter und die vier Kinder versammelt. Die Eltern legen Wert auf gemeinsame Mahlzeiten. Der älteste Sohn, Arndt Günter, hört beiläufig zu. Es geht um Themen, die das Leben von Jochen Kirchhoff bestimmen, ein erfolgreicher, mittelständischer Unternehmer. Um Kunden, Produkte oder Geschäftsreisen. Arbeits- und Privatleben lassen sich in einem Familienunternehmen schwer trennen. „Wir Kinder haben bei diesen Tischgesprächen nur mitgehört", sagt Arndt Kirchhoff, heute Arbeitgeber- und Metallpräsident von NRW und geschäftsführender Gesellschafter der KIRCHHOFF Gruppe. „Unsere Meinung war zunächst nicht gefragt. Der Vater hat uns sogar ganz bewusst rausgehalten." Die Eltern wollen damals, dass der Nachwuchs seinen eigenen Weg geht. Als die Geschwister etwa den Vater bitten, ihnen einen Ferienjob im Betrieb zu geben, winkt der ab. Zu groß ist die Sorge, dass sie dort verhätschelt oder nicht ernst genommen würden. Die drei Brüder und die Schwester sollen selbst herausfinden, was das Leben ihnen bieten kann: Schule, Ausbildung, Sport treiben, musizieren. „Ich habe am liebsten Sport gemacht, die Schule lag mir zeitweise eher weniger", erinnert sich Arndt Kirchhoff. „Wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte oder der Lehrer mich nicht mitreißen konnte, habe ich die Dinge schon mal schleifen lassen. In Deutsch hatte ich alle Noten von eins bis fünf, in Mathe genauso." Dafür treibt sich der junge Arndt nachmittags auf dem Sportplatz herum. Fußball, Tennis, Basketball, Handball und Leichtathletik. Auch wenn die Eltern ihren Kindern Freiräume geben, klammheimlich hat Vater Jochen genaue Vorstellungen für die Zukunft seiner Söhne. „Wenn Sie ihn nach seinen Berufswünschen für uns gefragt hätten wären dasein Ingenieur, ein Betriebswirt und ein Jurist gewesen. Den Gefallen haben wir ihm aber nicht getan“, sagt sein ältester Sohn. Zwar studiert Arndt Kirchhoff Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau an der TU Darmstadt und erfüllt damit zumindest einen Teil des väterlichen Wunsches. Doch auch alle anderen Kirchhoff-Kinder werden am Ende ein Ingenieursdiplom vorweisen: Eva Kirchhoff das einer Architektin-wie Mutter Lore. Johannes, ein Bastler und Tüftler studiert Maschinenbau, genau wie der Jüngste, Wolfgang.

Sein Vater lässt ihm Freiräume… und hat doch klare Zukunftspläne für Arndt und seine Brüder. Sie erfüllen sie nur zum Teil.

Alle vier hätten damit Qualifikation, ins Unternehmen einzutreten. Sie wären die vierte Generation. Der Babcock-Mitgründer Friedrich Kirchhoff hatte die Anfang des 19. Jahrhunderts errichtete Nadelfabrik Stephan Witte & Comp. 1921 komplett übernommen und zu einem Presswerk aufgebaut. Unter der Führung von Fritz Kirchhoff kam die Herstellung von Werkzeugen hinzu, unter Jochen Kirchhoff entwickelte sich das Unternehmen zum Automobilzulieferer.

Dass seine Kinder überhaupt irgendeine Rolle im Unternehmen spielen würden, ist lange Zeit aber nicht klar. „Mein Vater war noch Einzelunternehmer von altem Schrot und Korn. Der machte alles als Alleingeschäftsführer“, sagt Arndt Kirchhoff. Dass er Macht oder Aufgaben teilt? Undenkbar. „Das ging auch, weil er damals nur zwei Standorte und einen ausschließlich deutschen Kundenkreis hatte“, sagt Kirchhoff.

Und dann dieser denkwürdige Sonntagabend im Jahr 1987. Wieder sitzt die Familie an einem Esstisch, diesmal in einem Restaurant in Iserlohn. Es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion. Die Kinder reden auf den damals 60-jährigen Vater ein: „Die Autoindustrie stellt sich internationaler auf. Die Zulieferer gehen mit ins Ausland. Müsstest du nicht auch dahin?“ Jochen Kirchhoff überlegt: „Doch. Das müsste man eigentlich. Aber das mache ich nicht mehr. Interessiert sich nicht einer von euch fürs Familienunternehmen?“ Die Kinder sind wie vom Donner gerührt. Davon war zuvor nie die Rede. Arndt Kirchhoff ist damals bei der deutschen Babcock, der Firma, die sein Vorfahr Friedrich Kirchhoff mitgegründet hatte. Johannes ist bei Daimler-Benz, Wolfgang bei Schaeffler. Es vergeht noch einige Zeit, ehe Arndt Kirchhoff im Herbst 1990 sagt: „Okay, ich komme.“ Die beiden jüngeren Brüder folgen im Lauf der nächsten vier Jahre. Ihre Schwester Eva wird später Bauvorhaben der Firma im Ausland umsetzen.

Unternehmer, Verbandspräsident, Familienmensch: Die Tage vonArndt Kirchhoff sind randvoll. Er muss viel delegieren. Alles allein zu entscheiden wie damals sein Vater, das funktioniert heute nicht mehr.

Möglich wird dieser Übergang nur deshalb, weil Jochen Kirchhoff im Alter von 63 auch wirklich abtritt. Mit 35 Jahren übernimmt Arndt Kirchhoff als Geschäftsführer. Bange ist ihm vor der Aufgabe nicht, Erfahrung in Führungspositionen hat er bereits bei Babcock als Leiter der zentralen Auftragsabwicklung gesammelt. Der Wechsel in den väterlichen Betrieb wird für den jungen Kirchhoff zum .Befreiungsschlag: "Während meiner ersten Tage in meinem neuen Büro ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Mensch, du hast jetzt ganz viel Zeit!" Auf einmal muss er sich nicht mehr mit dem Berichtswesen eines Großkonzerns herumschlagen. "Ich war vollständig Herr der Lage. Das war ein irre gutes Gefühl." Und er nutzt die Chance.

Als Erstes treibt er die Internationalisierung voran. "Es sprachen damals nur zwei Leute in unserer Firma einigermaßen passabel Englisch. Das haben wir komplett gedreht." Das inzwischen als KIRCHHOFF Gruppe auftretende Unternehmen expandiert ins Ausland – erst nach Westeuropa, dann nach Osteuropa, Mexiko, Asien und in den ganzen NAFTA-Raum. "Ich hätte das auch nicht gekonnt, so ein Klein-klein-Arbeiten. Da hätte ich mich zu eingeengt gefühlt. Ich hatte ja zuvor Kraftwerksbaustellen. in Brasilien, Indien, Pakistan, China und Argentinien betreut", sagt Arndt Kirchhoff. Heute erzielt das Unternehmen mit weltweit 10500 Mitarbeitern, einen Umsatz von mehr als 1,8 Milliarden Euro, es stellt Werkzeuge her, baut Reinigungs- und Müllfahrzeuge und rüstet Fahrzeuge behindertengerecht um. Aber in erster Linie ist die Firma immer noch ein klassischer Automobilzulieferer.

Dabei hat Arndt Kirchhoff bei seinem Einstieg von der Materie kaum Ahnung. "Natürlich konnte ich Auto fahren. Aber von der Branche hatte ich keinen Schimmer", sagt er lachend. ,,Aus dem Projektgeschäft kannte ich Aufträge für Milliardenbeträge. Ein ordentlicher Kraftwerksbau kostete damals drei Milliarden D-Mark. Und nun fand ich mich in einer Welt der Pfennigartikel wieder." Doch rasch wird ihm klar, dass Menschen sich im Prinzip immer gleich verhalten, egal ob sie nun Kraftwerke bauen, Autoteile oder Papier herstellen.

Mit der neuen Generation hält auch ein neuer Führungsstil Einzug. ,,Mein Vater war noch ein Firmenpatriarch. Damals lief alles viel direkter "sagt Kirchhoff. Mir war es wichtig, die Beschäftigten mitzunehmen." Jochen Kirchhoff habe diesen Kulturwechsel mit Begeisterung mitgetragen. „Der fand das ungemein spannend. Das gilt bis heute.“

Kirchhoffs Töchter wollen nicht in der Firma arbeiten. Ein Geburtsrecht auf den Chefposten hätte er ihnen auch nicht gegeben

Der hünenhafte Kirchhoff schlendert durch die Produktionshallen in Attendorn, neben dem Stammwerk in Iserlohn der zweite große ostwestfälische Standort. „Wenn man gut sein will, muss man den Menschen in seinem Umfeld Orientierung geben und sie zugleich vom Sinn des eigenen Tuns überzeugen – egal, ob derjenige das Werkstor bewacht, an der Presse steht oder als verantwortlicher Entwicklungschef arbeitet.“ Man dürfe nicht herumlavieren, wenn man einmal eine Entscheidung getroffen habe. „Das heißt nicht, halsstarrig zu sein“, erklärt er. Fehler müsse man korrigieren.

Er geht vorbei an einem orangenem Roboterarm, der gerade Bauteile für den neuen Ford Mondeo zum Schweißen in Position bringt. Der Chef macht bei zwei Mitarbeitern halt, schüttelt ihnen die Hand, erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei. Die Lockerheit wirkt dabei nicht aufgesetzt. Das überträgt sich auf die Mitarbeiter. Von Anspannung im Angesicht des mächtigen Chefs keine Spur; respekt-, aber auch humorvoll wirkt der Umgang.

Tatsächlich ist es angesichts seines fröhlichen Wesens nur schwer vorstellbar, dass der 61-jährige vor versammelter Mannschaft explodieren könnte. „Mein Mann hat meistens gute Laune und ist sehr stark auf Harmonie bedacht“, sagt seine Frau Ina Kirchhoff. „Wenn es mal so richtig knallt, kann er das nur sehr schwer ertragen.“ Seit mehr als 40 Jahren sind die Ärztin und der Manager miteinander verheiratet. Weil sie selbst keine Kinder bekommen konnten, adoptierte das Paar drei Mädchen aus einem Waisenhaus von Mutter Teresa in Pakistan.

In zwei Jahren wäre Kirchhoff genauso alt wie sein Vater Jochen, als dieser die Kinder ins Unternehmen holte. Deshalb gibt es mehr als nur Gedankenspiele, wie es mit der Firma künftig weitergehen wird: „Ich habe frühzeitig angefangen, die Organisation in den Geschäftsfeldern umzubauen – auch um meine Ehrenämter besser auszufüllen.“ Mindestens einen Tag pro Woche nimmt sich Kirchhoff für seine Verbandsämter. Als Präsident von Unternehmer NRW ist er die Stimme der Wirtschaft in der Landespolitik, als Präsident von Metall NRW Sparringpartner von IG-Metall-Bezirksleiter Knut Giesler in den Tarifrunden. Gemeinsam haben sie beim letzten Mal einen Pilotabschluss hinbekommen, der in den übrigen Bezirken übernommen worden ist. Daneben ist Kirchhoff Vizepräsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Präsidiumsmitglied im Bundesverband der Deutschen Industrie, Vizepräsident des Verbands der deutschen Automobilindustrie und Präsident des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.

Das große Engagement und die Ansprüche als Unternehmer beißen sich natürlich: „Wenn Sie gerade mit Ministern und Konzernchefs auf einem Podium sitzen und es gibt in einem Werk einen plötzlichen Maschinenstillstand, können Sie nicht aufstehen, sich kurz entschuldigen und gehen. Das muss delegiert werden.“ Deshalb hat er schon vor Jahren die KIRCHHOFF Holding gegründet, auf die er sich inzwischen konzentriert.

Sie ist nicht das einzige Vehikel, um später eine geordnete Übergabe an den Nachwuchs hinzubekommen. Unterstützt durch die Uni Witten/Herdecke wird dieser schrittweise vorbereitet. „Wir haben dafür ein Gremium mit unseren zwölf Kindern zwischen 18 und 31 gegründet, in dem wir Zukunftsfragen diskutieren. Wer von ihnen will, kann auch Aufgaben im Unternehmen übernehmen.“ Kirchhoffs Töchter haben schon abgewinkt. Wer Interesse hat, muss sich allerdings ganz normal dem Wettbewerb stellen. „Es kann nicht sein, das jemand ein Amt per Geburtsrecht bekommt, wenn er dafür nicht bereit ist“, sagt Kirchhoff und da blitzt die Erziehung seines Vaters auf. „Dann hätte der- oder diejenige ein Durchsetzungsproblem.“ Deshalb entscheidet ein dreiköpfiger Beirat – übrigens auch besetzt mit Familienunternehmern – ob jemand geeignet ist.

Dass sich die Töchter gegen eine Führungsrolle entschieden haben, ist für Kirchhoff vollkommen in Ordnung. „Meine Frau und ich unterstützen sie dabei, ihren eigenen Weg zu gehen.“ Kirchhoff bezeichnet sich selbst als Familienmenschen, früher hat er versucht, mindestens 50 Prozent seiner Zeit in der Heimat und maximal zur Hälfte auf Reisen zu sein. Inzwischen sei er zu 70 Prozent im Lande.

In der knapp bemessenen Freizeit begeistert sich der Autofan für Oldtimer-Rallyes. Und auch die Freude am Sport hat nicht nachgelassen – wenn sich auch die Disziplinen geändert haben: heute sind das Segeln und Golfen. „Mein Handicap liegt bei 19. Damit würde ich im Unternehmen noch eingestellt werden“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Wir sagen immer, wer ein Handicap unter zwölf hat, den können wir nicht einstellen, weil der ständig trainieren muss.“

(Quelle: Rheinische Post)

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