Germany: Deutsch

„Putin ist nicht kriegslüstern“

Der Attendorner Unternehmer Arndt Günter Kirchhoff im Interview über neue Hoffnungsschimmer in den Beziehungen zu Russland.

Attendorn. Die Münchner Sicherheitskonferenz im Februar dieses Jahres hat so etwas wie den Tiefstand der Ost-West-Beziehungen seit dem Fall der Mauer 1989 markiert. Russlands Ministerpräsident Dimitri Medwedjew sorgte dabei in einem Grundsatzreferat mit seinen Formulierungen vom „Neuen Kalten Krieg“, gar von der „Dritten Welterschütterung“, für weitere Irritationen und eine wachsende Besorgnis vornehmlich in der westlichen Hemisphäre. Der Attendorner Unternehmer Arndt Günter Kirchhoff gehört unter anderem als Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) seit Jahren zum hochkarätigen Teilnehmerkreis der Sicherheitskonferenz. Diese Zeitung hat mit Arndt Günter Kirchhoff, der im Juni auch zum NRW-Arbeitgeberpräsident gewählt werden soll, über seine Einschätzung der letzten Münchner Konferenz und neue Hoffnungszeichen auf dem internationalen Polit-Parkett gesprochen.

Herr Kirchhoff, Sie nehmen seit fünf Jahren regelmäßig an den Münchner Sicherheitskonferenz teil. Welche Bedeutung hat dieses Treffen von Politikern, Militärs und Wirtschaftsführern aus aller Welt überhaupt noch?

Arndt Günter Kirchhoff: Diese Konferenz ist seit den frühen 1960er Jahren die wohl weltweit wichtigste Dialog-Plattform für den Frieden. Man kann sie vielleicht mit dem Wirtschaftsgipfel in Davos vergleichen. Doch weil es in München um den Frieden und nicht nur um Wirtschaftsfragen geht, ist sie natürlich noch sehr viel bedeutsamer. Bei der Sicherheitskonferenz handelt es sich um eine Zusammenkunft der Großmächte dieser Welt auf höchster politischer Ebene. Die etwa 1000 Teilnehmer repräsentieren die wichtigsten Länder der Erde; entsprechend ernst wird diese Tagung von allen genommen.

Von außen konnte man den Eindruck gewinnen, der Kalte Krieg habe bereits wieder Einzug in unsere Welt gehalten. Vor allem Russland zeigte sich regelrecht barsch und wenig kompromissbereit in den Bemühungen, die Ost-West Beziehungen abermals in ein harmonischeres Fahrwasser zu führen?

Keine Frage, im Februar wurde in München ein hoher Ball gespielt. Aber es hat auch Tradition, dass man sich bei dieser Konferenz ziemlich schonungslos die Meinung sagt. Und entgegen allen verbalen Säbelrasselns des russischen Ministerpräsidenten bin ich doch zutiefst davon überzeugt, dass Russland, dass vor allem Putin, keineswegs kriegslüstern ist. Er fühlt sich lediglich umzingelt und möchte vom Westen auf Augenhöhe behandelt werden. Und das ist meiner Meinung nach auch richtig. Putin muss mit dem Westen gemeinsam Verantwortung tragen. Das ist ihm zuzugestehen, und das müssen auch die Amerikaner anerkennen.

Welche Rolle spielt Europa dabei?

Wir haben als Europäer natürlich größtes Interesse an einem friedlichen Miteinander, schließlich sitzen wir ja schon rein geografisch mittendrin. Europa muss gemeinsam Stellung beziehen, die EU braucht ein vernehmliches Mitspracherecht in der Welt.

Sie werden als Vertreter der Wirtschaft zur Sicherheitskonferenz eingeladen. Worin sehen Sie dabei Ihre Aufgabe?

Die Wirtschaft braucht ganz einfach politische möglichst friedliche Rahmenbedingungen für ihre Investitionsentscheidungen. Sind die vorhanden, kann nicht zuletzt auch die deutsche Wirtschaft in anderen Ländern positive Entwicklungen fördern und natürlich auch selbst Geld verdienen.

Ein wichtiges Wirtschaftsthema war bei der Sicherheitskonferenz das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen Europa und den USA. Wie ist der Stand der Dinge?

Meine zuversichtliche Erwartung ist, gerade auch nach den Gesprächen in München, dass das Abkommen noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden kann. Europa und die Vereinigten Staaten bilden nun einmal den einzigen Markt, basierend auf den gleichen Wertvorstellungen über Demokratie, Menschenrechte und Meinungsfreiheit. Deshalb müssen auch wir die entsprechenden Weltstandards setzen. Wir dürfen das nicht anderen überlassen.

Ist die Welt nach der Münchner Sicherheitskonferenz ein klein wenig besser und friedlicher geworden?

Ich habe schon den Eindruck, dass sich das geopolitische Klima spürbar entspannt hat. Obwohl das Krisengebiet rund um Syrien nach wie vor total virulent ist und sich Europa noch immer dramatisch unsolidarisch zeigt. Es ist eben einfach schlimm, wenn sich einzelne Staatenlenker als nationalistische Politiker darstellen. Niemand darf sich dem Dialog verweigern. Das ist übrigens auch ein ganz wesentliches Merkmal der Münchner Sicherheitskonferenz.

(Quelle: IKZ 21.04.2016)

<- Zurück zu: Newsarchiv